
Nordbayerische Nachrichten, 15.12.2008
khp
Fränkische Landeszeitung, 17.11.2008
MÖRSACH - Wenn sich der "Fränkische Sommer" bis in den späten Herbst hinein zöge, könnte das Ergebnis so sein, wie das Konzert am vergangenen Samstag in der Mörsacher Kirche. Denn man vermutet ja inzwischen immer den "Fränkischen Sommer" am Werk, wenn Musik und Interpreten an einem Ort zu erleben sind, an dem sie sonst keiner vermuten würde. Dass Joachim Adamszewski mit seinem Chor "Vocanta" und dem "Orchester con fuoco" in Mörsach eineinhalb Bach-Motetten und das Mozart-Requiem zum Besten gaben, hatte freilich einen anderen Grund.
Mörsach hat seine eigenen Musikreihe. Das Künstlerehepaar Elke und Reinhard Zimmermann richten sie seit 20 Jahren aus, seit fünf Jahren dabei vom Förderverein "mundus artis" unterstützt. Die runde Jahreszahl war Anlass genug für eine Fest-Saison. Einer deren Höhepunkte war nun das Vocanta-Konzert. Vocanta? Vocanta hatte sich als "Erlanger Grillen" einen Namen gemacht. Im Sommer nun streifte der Chor den Namen, der sich ein bisschen wandervogelhaft unbekümmert gab, ab und ersetzte ihn durch einen modisch-italienisierenden.
Das hohe Niveau des Chores und die künstlerische Kompetenz seines Leiters sind natürlich geblieben. In der nicht eben großen Antoniuskirche zu Mörsach, deren Akustik also nichts Beschönigendes hinzufügen kann, trat das für einen Liebhaberchor außerordentliche Niveau offen zu Tage. Er bestach durch Homogenität, Agilität, den feinen Grundklang und die Textverständlichkeit.
Wortbewusste Klarheit
Adamszewski näherte sich Mozarts Requiem über Bach. Das ist immer eine probate Hinführung, untypisch war, dass Adamszewski keine Kantate wählte, sondern zwei Begräbnismusiken a-cappella: "Fürchte Dich nicht" und "Singet dem Herrn ein neues Lied", merkwürdigerweise nur dessen zweiten Teil. Wie auch immer, Adamszewski interpretierte die Motetten mit wortbewusster Klarheit, die aus der Ruhe Kraft und Intensität schöpfte und sich dabei bis zur schwerelos dahin tanzenden Fugen-Virtuosität aufschaukelte. Bemerkenswert auch der zarte, helle Chorklang, dessen Charakter zwischen keusch, knabenhaft und abgeklärt modulieren konnte. Frappante Wirkungen waren so möglich. Herrlich etwa, wie sich die Motette "Fürchte Dich nicht" in letzten Takten bei "Du bist mein" auflichtete. Solche Qualitäten prägten auch das Mozart-Requiem. Vocanta dominierte es. Das Kammerorchester "con fuoco" sekundierte untadelig, durchsichtig und schlank, besaß allerdings nicht die Geschlossenheit des Chores.
Reizvolle Polarität
Apart war die Polarität, die sich zwischen dem exzellenten Solistenquartett und Vocanat herstellte. Adamszewski gab dem Chorpart liturgische Allgemeingültigkeit und überpersönliche Aussagekraft. Er kultivierte Transparenz und Klangschönheit noch in den dramatischen und expressiv ausgeformten Abschnitten. Das junge, präsente Solistenquartett - Franziska Büdke, Johanna Sander, Johannes Gaubitz und Felix Rathgeber - brachte individuelle Emotionalität ein. Selbst noch so kleine Solo-Stellen trafen Wesentliches. Besonders in Erinnerung blieb etwa Franziska Büdke beim "Lux aeterna luceat", das ihr innig und bewegend glückte. Hervorhebenswert auch die lyrische Eindringlichkeit, mit der Johannes Gaubitz den Tenorpart gestaltete.
Joachim Adamszewskis Deutung mied, aufs Ganze gesehen, Extreme, schien die versönlichen und zuversichtlichen Aspekte des Requiems herauszustellen. Um so überraschender war dadurch der Schluss, den Mozart, hätte er ihn selbst vollenden können, vielleicht anders gefasst hätte, der so aber eine eigenartig skeptische Modernität besitzt, die zugleich archaisch anmutet: Das Requiem schließt weder in Dur noch Moll. Nur mit einem leeren Quint-Klang. Ein offenes, ungewisses Ende, majestätisch und schauerlich stand es im Kirchenraum, bevor es der lange Applaus vertrieb.
Thomas Wirth
Erlanger Nachrichten, 11.11.2008
Eingeleitet mit den beiden Motetten "Fürchte Dich nicht" und "Singet dem Herrn ein neues Lied" von Johann Sebastian Bach, stand Wolfgang Amadeus Mozarts 'opus ultimum', das "Requiem für vier Solostimmen, Chor und Orchester" KV 626, im Mittelpunkt von Aufführungen in der Neustädter Kirche und Tags darauf in der St. Michaelskirche in Neunkirchen am Brand. Franziska Büdke (Sopran), Renate Kaschmieder (Alt), Johannes Gaubitz (Tenor) und Felix Rathgeber (Bass) musizierten zusammen mit dem Chorensemble "Vocanta" (die früheren "Erlanger Grillen") und dem Kammerorchester "con fuoco" unter der Leitung von Joachim Adamczewski.
"Da der Tod genau zu nemmen der wahre Endzweck unsers lebens ist, so habe ich mich seit ein Paar Jahren mit diesem wahren, besten freunde des Menschen so bekannt gemacht, ... - ich lege mich nie zu bette ohne zu bedenken, daß ich vielleicht so Jung als ich bin den andern Tag nicht mehr seyn werde ..." schreibt Mozart am 3. März 1787 an den Vater. Und gerade diese geistige Haltung dürfte ein wichtiger Schlüssel zum Eintritt in Geist und Musik des Requiems sein. Es ist nicht ausschließlich erdenlastiges "Jammertal", sondern zugleich - in und aus fast positiver Gefühlsverfassung - lösungsgerichtet.
Gezackte Begleitfiguren
Herrscht noch zu Beginn des Introitus "milde Resignation", so symbolisieren die gezackten Begleitfiguren des Orchesters bei den Worten "Exaudi orationem meam" mehr Auflehnung als Bitte. Gesamt greift er immer wieder auf "illustrative Elemente" zu: "Lautstärke als physische Bedrohung, gegeneinander getriebene melodische Linien zwischen Chor und instrumentalem Fundament, Pauken und Trompeten zur scharfen Akzentuierung suggerieren die seit dem Mittelalter Angst einflößende Vorstellung von Chaos zum Weltuntergang". Und "Rex tremendae" spiegelt höfische Klänge: punktierte Rhythmen, prangende Harmonik.
Mozarts Musik zwischen diesen Erlebnisschichten des freimaurerischen Aufbegehrens und einer gläubigen, stillen Demut hin- und her schwankend umzusetzen, kann sich Joachim Adamczewski auf einen stimmfiligran agierenden Chor stützen, der auf samtweichem Chorklangboden die Fülle der Gefühlszustände einfühlsam und zugleich ausdrucksstark entwickelt, ein schattierungsreiches, dynamisch und akzentmäßig differenziert agierendes Orchester, und eine Solistengruppe, der das Dienen an der Musik noch lebendiges Künstlertum bedeutet. Eine Verbeugung vor dem Geist des Komponisten und eine große Aufführung des Mozart'schen Werkes, die tiefe Seelenschwingungen hinterließ.
WOLFGANG G. P. HEINSCH
Erlanger Nachrichten, 23.10.2008
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