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Nordbayrische Nachrichten, 22.06.2004

Künstlerischer Maßstab

Händels "Messiah" in Eggolsheim

Es gibt sie noch, die hochkarätige Umsetzung "ernster" Musik abseits der großen Festivals und jenseits der von Plattenmultis finanzierten Klassik-"Starparaden". Joachim Adamczewski führte mit seinem Chor "Erlanger Grillen" und dem Kammerorchester "con fuoco" in der Martinskirche zu Eggolsheim Georg Friedrich Händels "Messias" in der englischen Originalfassung auf - und setzte einen künstlerischen Maßstab, an dem sich die Konkurrenz in nächster Zeit messen lassen muss.

Händels barockes Oratorium um Geburt und Tod Jesu wird meist in der Weihnachtszeit gespielt, thematisiert aber nicht nur das Christfest, sondern auch Kreuzestod und Auferstehung. In einem durchaus dramatischen Tonfall, wie ihn der Musiktheater-Experte Händel auch und gerade in seinen Opern pflegte.

Calvinistische Askese ist also fehl am Platz, wenn man sich mit dem "Messiah" auseinandersetzt. Diese Musik transportiert Emotionen und Affekte, bringt die Heilsbotschaft Jesu in sehr kraftvoller, unmittelbar verständlicher Sprache nahe und findet in Joachim Adamczewski und seinem Ensemble emphatische Sachwalter mit viel Fingerspitzengefühl.

Den Originalklang-Verfechtern warf man einst vor, sie würden sich der Barockmusik all zu wissenschaftlich annehmen. Zu Beginn des Dritten Jahrtausends ist diese Kritik gegenstandslos geworden: Adamczewski lässt auf authentischen Instrumenten spielen; seine Sänger, Chor wie Solisten, halten sich an die Aufführungskonventionen der Händel-Zeit, verzieren ihre melodischen Linien reich mit Vorhaltenoten und Arabesken.

Die Tempi sind zügig, aber nicht so überhitzt, wie es etwa die "Musica Antiqua Köln" unter Reinhardt Goebel als ästhetisches Prinzip vertritt. Das macht Joachim Adamczewskis "Messiah" energisch, schwungvoll und lebendig, ohne ihn verhetzt oder überstürzt erscheinen zu lassen.

Ohne Schlacken

Der adrenalin-getriebene Pulsschlag tut dem Oratorium gut, denn es verliert so jegliche Betulichkeit und Behäbigkeit - pseudoromantische Schlacken, die man keine Sekunde lang vermisst. Das Ensemble trägt diesen betont straffen und unprätentiösen, aber nie seelenlos technokratisch wirkenden Ansatz mit erstaunlicher Mühelosigkeit.

Die "Grillen" verfügen nicht nur über stupende Strahlkraft (inklusive der sonst so oft "unterbelichteten" Tenöre) und schiere Stimmschönheit, sie bestechen auch durch unbedingte Präzision der Einsätze und zweifelsfreie Intonation. Gleiches gilt für das Orchester, das sich keinen falschen Ton, keinen "versemmelten" Einsatz leistet.

Bliebe das Solistenquintett, dessen sich auch Adamczewskis internationale Kollegen nicht schämen müssten. Die lyrisch timbrierte Sopranistin Silke Mändl verkündet höhensicher und mit elysisch sanft gerundeten Koloraturen die Auferstehung des Erlösers, Renate Kaschmieder gibt mit voluminösem Alt eine unbestechliche Beobachterin und Kommentatorin des Geschehens um Leben und Tod des Heilands. Anrührend der Knabensopran Julius Latus mit seinem intimen Hirten-Bild.

Philip Farmand ist Lichtjahre von jenen blutleeren Evangelisten-Tenören entfernt, die sich oft mehr schlecht als recht durch den "Messiah" quälen. Farmand geriert sich als lebensnaher, herzenswarmer Erzähler mit jugendlichem Elan.

Als idealer Widerpart verkörpert der Bass Gerhard Hess die andere Seite des Glaubens: hier der beinahe naive Überschwang des religiös entflammten Jungen, dort die aus Lebenserfahrung resultierende Zuversicht in die Gnade Gottes, die sich in dunkel leuchtenden, fein schattierten Bravourarien äußert. Dieser "Messiah" ist eine ernsthafte Alternative zu Gardiner, Hogwood und Co. Man darf gespannt sein, was als nächstes kommt.

HvD

 

 

Erlanger Nachrichten, 25.05.2004

Schwebende Stimmen und purer Freudengesang

Der "Kammerchor Erlanger Grillen" und das "Kammerorchester con fuoco" führten Händels "The Messiah" in der Neustädter Kirche auf

Händels Messias mit dem originalen Text in einer faszinierenden und mitreißenden Atmosphäre ? in diesen Genuss sind am Wochenende rund 300 Zuhörer in der Neustädter Kirche gekommen. Von Joachim Adamczewski geleitet und von fünf Solisten unterstützt führten der "Kammerchor Erlanger Grillen" und das "Kammerorchester con fuoco" aus Nürnberg das Oratorium "The Messiah" von Händel auf.

Eingeleitet von einer einstimmenden Sinfonie setzte der Solotenor ein. Schon mit den ersten Tönen zog Philip Farmand das Publikum in den Bann der barocken Welt. Seine Stimme schwebte über dem begleitenden Orchester und die Läufe füllten die Kirche aus. In einem Wechsel aus Solopartien und Chorpassagen ging der Messias weiter. Die sehr abwechslungsreiche Musik ließ das zweistündige Konzert nie langweilig werden, immer war der Zuhörer fasziniert von den ausgedrückten Situationen und Gefühlen. Der Chor "And the glory of the Lord" etwa war purer Freudengesang, wohingegen in der virtuos von Renate Kaschmieder gesungenen Arie des Alts "He was despised and rejected" die besungene Verschmähung nahezu greifbar wurde.

Zarte Stimme

Ein Höhepunkt des Konzerts war das Rezitativ "There were shepherds abiding in the field". Gesungen wurde es im Gegensatz zu den anderen Passagen für Solosopran nicht von Silke Mändl, sondern von einem Knabensopran, Julius Latus. Der gerade erst 11-Jährige war im Stehen kaum einen Kopf größer als die anderen Solisten im Sitzen. Dennoch durchdrang seine zarte Stimme die gesamte Kirche.

Die Aufführung von Händels Messiah war sehr beeindruckend, denn alles passte zueinander: Der Chor harmonierte mit den Solisten und dem Orchester, so dass sich die Zuhörer gut in die Zeit Händels zurückversetzen konnten. Nach dem letzten Takt zeigte das Publikum seine Begeisterung mit nicht enden wollendem Applaus, Fußtrampeln, Bravo-Rufen und stehenden Ovationen.

 

 

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